Gesten sagen mehr als Worte

Vertrauen

Singen ist etwas Wunderbares. Es kann so viel Spaß machen. Ich singe  für mein Leben gerne die aktuellen Charts und meine Lieblingssongs rauf und runter. Schade ist nur, dass das Talent einer guten Gesangsstimme nicht jedem in die Wiege gelegt ist. Als dieses Talent beispielsweise verteilt wurde, habe ich scheinbar nicht laut genug „hier“ gerufen.

Man kann nicht alles

Nicht, dass ich nicht versucht hätte, daran zu arbeiten. Insgesamt drei Jahre im Kinder- und ein Jahr im Schulchor waren ein gutes Training. Auch, um herauszufinden, was nicht zu meinen Stärken gehört. Stimmtalent zum Beispiel.

Meine Gesangskarriere nahm schließlich im Alter von 13 ein abruptes Ende. Damals hatte ich mit dem Schulchor einem kleinen Solo-Aufritt, den ich so richtig vergeigte. Ich traf nicht nur einige der Töne nicht richtig, sondern hatte auch noch vor Aufregung einen blöden Texthänger. Das war der Moment, in dem ich mir eingestand, dass singen etwas war, dass ich besser anderen überließ.

Damit ihr mich richtig versteht: ich finde es weiterhin großartig. Allerdings beschränkte ich mich dafür nun auf Orte, an denen mich niemand hören kann. In der Dusche oder bei Autofahren zum Beispiel. Meinem Prinzip, meine Gesangsstimme nicht vor anderen zum Besten zu geben, bin ich seitdem treu geblieben. Bis vor ein paar Tagen …

Wenn Worte nicht ausreichen

An diesem Tag erhielt ich früh morgens eine SMS von einer Freundin, die mir viel bedeutet. Sie ist ein wunderbarer Mensch und eine beeindruckende Frau: stark, humorvoll, impulsiv, direkt und authentisch.

Sie schrieb mir, dass sie ihren Hund Bailey am Tag zuvor hatte einschläfern lassen müssen. Ein tragischer Moment, denn Bailey war ihr ein und alles. Er war die vergangenen 15 Jahre immer an ihrer Seite gewesen und hatte sie durch die schwerste Zeit ihres Lebens begleitet. Wo meine Freundin war, da war auch Bailey. Egal, ob beruflich oder privat, es gab sie immer nur im Doppelpack. Es war schön mitanzusehen, was für ein eingespieltes Team sie waren. Und nun fehlte er.

Falls ihr selbst einen Hund habt, oder Freunde und Familie, die einen besitzen, wisst ihr vermutlich, dass so ein Vierbeiner ein enger Vertrauter sein kann. Nicht umsonst sagt man, der Hund ist der beste Freund des Menschen. Stirbt er dann, ist es, als müssten wir uns von einem enger Freund verabschieden.

Gerade weil ich wusste, wie viel Bailey meiner Freundin bedeutete, machte mich das sehr traurig. Er war wirklich wundervoll, etwas ganz Besonderes. Schon sein Aussehen war einzigartig. Er hatte graues, glänzendes Fell, treue, tiefbraune Augen und eine würdevolle, grazile Haltung. Trotz meines großen Respekts vor fremden Hunden, hatte ich ihn vom ersten Tag an direkt in mein Herz geschlossen. Und gerade deshalb konnte ich erahnen, wie sehr Bailey meiner Freundin fehlte. Ich überlegte kurz, was ich für sie in diesem Moment tun könnte.

Wie könnte ich sie wissen lassen, dass ich sie verstehe. Dass ich mit ihr fühle. Dass ich da bin, wenn sie mich braucht. Und damit meine ich nicht den Satz „ich bin für dich da“, sondern das Gefühl, dass wir damit verbinden. Das Gefühl von Geborgenheit, wenn es uns nicht gut geht. Das Gefühl von Unterstützung, wenn wir sie wirklich brauchen. Das Gefühl von Zuversicht, wenn wir kein Licht am Ende des Tunnels sehen.

Gesten sagen mehr als Worte

Da erinnerte ich mich an ein Interview, dass ich am Tag zuvor geführt hatte. Ich war für das Gespräch nach Berlin gereist und hatte dort den Geschäftsführer einer erfolgreichen Software-Firma getroffen. Seine Firma bietet IT-Lösungen an, die eine offene Kommunikations- und Feedbackkultur fördern. Und beides trägt nachweislich dazu bei, einander mehr zu vertrauen. Da das Berliner Unternehmen genau in diesem Punkt vorbildlich war, wurde im Sommer sogar das Magazin der FOCUS auf den Geschäftsführer aufmerksam und interviewte ihn zum Thema „vertrauensvolles Führen“.

Vielleicht fragt ihr euch, was genau dieses Interview nun mit meinem Wunsch zu tun hatte, meiner Freundin beizustehen. Ganz einfach: aus diesem Gespräch mit dem Berliner Geschäftsführer hatte ich vor allem eines mitgenommen: Vertrauen bedeutet den anderen sehen. Sich auf ihn einlassen. Sich selbst zurücknehmen. Hinzuschauen, was er wohlmöglich braucht und ihm genau das anzubieten. Wenn ich das, was ich aus diesem Interview mitgenommen habe, in einem Satz zusammenfassen würde, dann wäre es „Gesten sagen mehr als Worte.“.

Was ich damit meine? Das ist ein tiefer Blick in die Augen des anderen, der uns wissen lässt, ich verstehe dich. Das ist die Hand auf unserer Schulter, die uns spüren lässt, ich fühle mit dir. Das ist der Telefonanruf, der uns erkennen lässt, wir sind nicht allein. Und ich bin sicher, wenn ihr darüber nachdenkt, fallen euch einige Momente wie diese ein. Situationen, in denen sich jemand selbst zurücknimmt, um für den anderen da zu sein.

Empathie schafft Vertrauen

In Bezug auf meine Freundin, die offensichtlich mit dem Tod von Bailey zu kämpfen hatte, fragte ich mich daher: wie könnte ich ihr zeigen, dass ich gerne für sie da bin? Wie genau könnte ich mein tiefes Mitgefühl, am besten ausdrücken?

Da erinnerte ich mich an die Art und Weise, wie wir häufig in Kontakt sind. Wir wohnen mehr als 200 km voneinander entfernt. Mal eben auf einen Kaffee vorbei zu fahren, ist also unrealistisch. Daher schreiben wir uns in der Regel Mails oder SMS. Manchmal telefonieren wir auch. Auf dem elektronischen Weg sendet sie mir meistens Sprachnachrichten, ich antworte in Textnachrichten. Der Grund: ich mag es nicht, wenn meine Stimme aufgezeichnet wird. Auch Anrufbeantworter bleiben bei mir häufig leer. Lieber rufe ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal an. Warum das relevant ist? Meine Freundin und ich haben offensichtlich unterschiedliche Vorlieben, was unsere Kommunikationsart betrifft.

Persönlicher Einsatz schafft Vertrauen

In diesem besonderen Fall ging es mir allerdings weniger darum, dass ich mich mit der Art der Nachricht wohlfühlte. Sonst hätte ich ihr einfach einen kurzen Text per SMS gesendet. Vielmehr war mir wichtig, ihr eine Botschaft zu senden, die ihr guttat und die ihrer Welt entsprach. Ich entschied mich kurzerhand für etwas, das mir schon bei der bloßen Vorstellung die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Denn das, was ich vorhatte, lag meilenweit entfernt von meiner persönlichen Wohlfühlzone. Warum ich es trotzdem tat? Weil ich die Hoffnung, ihr damit ein Lächeln ins Gesicht zaubern zu können. Auch wenn das bedeutete, dass ich meine eigenen Prinzipien über Bord werfen musste. „Was muss, das muss.“, wie der Westfale sagt.

Was ich tat: Ich sang ihr ein Lied. Nur für sie und absolut unperfekt. Wenn nicht nur die Hälfte der Töne getroffen hatte, dann hatte ich mich tatsächlich gut geschlagen. Aber bei diesem Lied ging es auch nicht um Perfektion. Es ging einzig und allein um die Bedeutung, die der selbst gesungene Song hatte. Mir war wichtig ihr zu zeigen, dass ich da bin, dass ich mitfühlte. Und zwar genau so, wie ich glaubte, dass es ihr helfen könnte. Auch wenn das in diesem Fall erforderte, mit Anlauf über meinen eigenen Schatten zu springen.

Verletzlichkeit schafft Vertrauen

Nun könnte man ja sagen: alles halb so wild. Ein Lied zu trällern bringt keinen um. Egal, wie falsch oder richtig ich die Töne treffe, das ist schnell vergessen. Prinzipiell stimme ich da zu. Allerdings handelte es sich dabei um eine Tonaufzeichnung. Und die ist nun mal für die gefühlte Ewigkeit. Sie ist wieder und wieder abspielbar. Jeder schiefe Ton, jeder Versprecher, ist dort haargenau dokumentiert. Gerade aber die Bedeutung dieser Geste, die Überwindung auf meiner Seite, und das mich Einlassen auf den anderen, schafft Verbindung.

In dem Moment, wo ich die Aufnahme absendete, machte ich mich verletzlich und zeigte unüberhörbar Schwäche. Und genau diese Überwindung und die damit verbundene Verletzlichkeit machen Das Lied zu dem, was es ist: eine persönliche Botschaft von „ich bin für dich da“.

Wenn ihr das nächste Mal einem guten Freund, einem Familienmitglied oder einer Kollegin beistehen möchtet, dann schaut mal, mit welcher Geste ihr genau das ausdrücken könnt. Was braucht euer Gegenüber in diesem Moment? Was braucht er jetzt genau von mir? Und wie könnte ich ihm das anbieten?

Denn: Gesten sagen mehr als Worte – auch in punkto Vertrauen.

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