Vertrauen – zwei Seiten einer Medaille

Blogpost Vertrauen - zwei Seiten einer Medaille

Das kann doch wohl nicht wahr sein?! So eine Unverschämtheit! Da stehe ich nun: enttäuscht, sauer und fassungslos. Mein Herz schlägt bis zum Hals und ich versuche mit Mühe mich wieder zu beruhigen.

Ich bin enttäuscht

Was ist passiert? Ich habe vertraut, sogar sehr – und bin wahnsinnig enttäuscht worden. Ein Kunde, für den ich bereits mehrere Jahre gearbeitet hatte, sagte mir für einen Auftrag ein Honorar zu – und behielt es dann einfach ein.

Wie es dazu kam? Mein Kunde war Leiter einer Personalabteilung in einem großen mittelständischen Unternehmen. Gerade hatte er vom Vorstand die Aufgabe erhalten, in weniger als einer Woche ein neues Talentmanagement-Konzept für das Unternehmen zu entwickeln. Nach eigener Aussage gab es niemanden im Unternehmen, der das Konzept so kurzfristig und in der nötigen Qualität liefern konnte. Daraufhin rief er mich an, berichtete verzweifelt von seiner Misere und bat mich um Unterstützung. Obwohl ich zu dieser Zeit selbst in Arbeit unterging, sagte ich ihm zu. Ich hatte Mitgefühl und sah seine offensichtliche Not, das Konzept fristgerecht abzuliefern. Den eigenen Vorstand lässt man schließlich ungern warten …

Wir sprachen daraufhin die relevanten Aspekte für das Konzept durch und ich machte mich ans Werk. Ich arbeitete das ganze Wochenende, sagte dafür sogar ein Treffen mit Freunden ab – und lieferte pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt. So weit, so gut.

Für mich war klar, ein Wort ist ein Wort. Ich erarbeite das Konzept und er zahlt den üblichen Honorarsatz. Leider musste ich feststellen, dass mein Auftraggeber das anders sah. Er dachte nicht im Traum daran, mir für die Konzeptentwicklung auch nur einen Cent zu bezahlen. Vielmehr leugnete er dreist das Bestehen unserer mündlichen Vereinbarung … Am Ende blieb mir nichts außer einem Berg Arbeit und viel Ärger.

Der wahren Enttäuschung auf der Spur

Was mich daran besonders wurmt: ich bin überzeugt, dass mein Kunde von Anfang an geplant hatte, nicht zu zahlen. Was mich das glauben lässt: Bei der verweigerten Zahlung ging es in meinen Augen nicht um das Honorar selbst. Das war nur Mittel zum Zweck. Es sah für mich vielmehr nach einer Retourkutsche aus. Wenige Tage zuvor hatte ich diesem Kunden mitgeteilt, dass ich in Zukunft dem Unternehmen nicht mehr zur Verfügung stünde, um mich ab sofort stärker auf mein Buchprojekt konzentrieren zu können. Das war die offizielle Version. Die inoffizielle war, dass unsere Vorstellungen von einem fairen Umgang mit Mitarbeitern sehr verschieden waren. „Unüberwindbare Differenzen“, wie es im Unternehmensjargon so schön heißt. Und auch wenn ich es so nie direkt ausgesprochen hatte, war ich sicher, dass er den wahren Grund für meine Entscheidung kannte – und persönlich nahm.

Nun blieb ich also auf der unbeglichenen Rechnung sitzen.

Enttäuscht – aber von wem?

Dass ich enttäuscht, sauer und auch traurig bin, hat allerdings wenig mit dem Geldbetrag zu tun. Das ist zwar ärgerlich, lässt sich allerdings irgendwie regeln. Was mich mehr beschäftigt, ist das Gefühl, hinters Licht geführt und benutzt worden zu sein. Denn es gab eine klare Absprache. Arbeit gegen Geld. Meinen Teil der Abmachung habe ich erfüllt … Den Rest der Geschichte kennt ihr.

Nun liegt natürlich die Vermutung nahe, dass ich von meinem Auftraggeber enttäuscht und auf ihn wütend bin. In der Tat ärgere ich mich, aber der Knackpunkt ist ein anderer …

Wer ist also die Person, von der ich enttäuscht bin? Die Antwort ist schlicht „Ich“. Ich bin es selbst. Ich nehme es mir selbst übel, dass ich so gutgläubig war. Ich ärgere mich, dass ich auf sein Wort vertraut und mich nicht abgesichert hatte. Ich hätte es mir schriftlich geben lassen und einfach ein Standardschreiben aufsetzen können. Dann hätte ich all diesen Ärger vermutlich gerade nicht. Dann würde ich ein Dokument vorlegen und die Sache wäre klar. Habe ich aber nicht … Mein Fehler und meine Verantwortung.

Der Preis für Vertrauen

Wir leben in einem Land, wo nahezu alles schriftlich dokumentiert wird. Sogar die Art und Weise, wie wir über eine Brücke gehen dürfen, ist in der Straßenverkehrsordnung festgehalten. Glaubt ihr nicht? Die StVO §27, Abs. 6 besagt hierzu beispielsweise, dass es verboten ist, im Gleichschritt über eine Brücke zu marschieren. Was ich damit sagen möchte: hätte ich alles schriftlich festgehalten, wäre das vermutlich keinem böse aufgestoßen. Ganz im Gegenteil. Ich hätte eine typisch deutsche Tugend bedient und vermutlich auch noch Zuspruch dafür erhalten. „Super, alles wasserdicht. Auch für den Rechtsfall. Klasse gemacht.“, so oder ähnlich hätten vermutlich die Rückmeldung von anderen ausgesehen. Ich hatte mich allerdings bewusst gegen absolute Rechtssicherheit und für Vertrauen entschieden. Und nun zahlte ich das Lehrgeld dafür.

Neben dem Ärger über das verlorengegangene Geld, das mir zustand, hätte ich rückblickend auch viel Energie und Zeit gespart. Beides Dinge, die ich gerne anders eingesetzt hätte. Beispielsweise einen Blogartikel zu schreiben oder eines der Interviews auszuwerten. Stattdessen habe ich zahlreiche Gespräche geführt, diverse Mails geschrieben und immer wieder den Kontakt gesucht. All das, um am Ende festzustellen, dass ich durch zu viel Vertrauen leider leer ausgehen würde.

Der Lohn für Vertrauen

Warum ich das tat? Und warum ich es wieder tun würde: Vertrauen verschenken und mich auf eine Zusage verlassen? Weil ich einfach an das Gute im Menschen glauben WILL. Weil ich mir nicht mit ständigem Misstrauen den Tag vermiesen lassen möchte. Weil ich nicht alles in Frage stellen, sondern anderen glauben möchte, wenn sie mir ihr Wort geben. Für ständiges Misstrauen ist mir meine Zeit zu schade und mein Leben zu kurz.

Wer anderen ständig misstraut, der lebt in einer Welt aus Angst, Zweifel und dem Bedürfnis nach ständiger Kontrolle. Und das ist mir einfach zu anstrengend. Nebenbei macht das auch erwiesenermaßen unglücklich. (Blogartikel vom 16.10.2016 / Misstrauen – eine selbsterfüllende Prophezeiung?)

Wenn wir hingegen vertrauen, dann gewinnen wir neben vielen schönen Erfahrungen auch eine große Portion Gelassenheit. Ganz abgesehen von der Zeit, die wir statt zu zweifeln und zu kontrollieren sinnvoll für schöne Dinge verwenden können. Und noch etwas gewinnen wir, wenn wir vertrauen: Das Gefühl, nicht allein zu sein, und eine echte Chance auf Liebe, Geborgenheit und ja, auch Sicherheit. Denn die entsteht in uns zum großen Teil dann, wenn wir uns geborgen, gut aufgehoben und geliebt fühlen. Und die Basis dafür ist … Vertrauen.

4 thoughts on “Vertrauen – zwei Seiten einer Medaille

  • Liebe Eva,
    vielen Dank für deinen entschiedenen und mutigen Artikel. Mir geht es ähnlich wie dir und ich schenke auch erst einmal viel Vertrauen, und ich denke auch, dass es nichts ist, was man sich selbst übelnehmen sollte. Interessant wäre allerdings, zu prüfen, wie sicher und verlässlich einen die eigene Intuition auf vertrauenswürdige oder nicht vertrauenswürdige Menschen hinweist.
    Mir fällt dazu die Spieltheorie ein, nach der es sogar strategisch sinnvoll ist, erst einen Vertrauensvorschuss zu geben, dann aber, wenn das Vertrauen enttäuscht wird, sich ganz anders einzustellen und Vertrauensbrüche strikt zu sanktionieren. Das jedoch ist eben erst der zweite Schritt.

    • Liebe Ulrike,
      Vielen Dank für deine Gedanken dazu!
      Den Impuls mit der Spieltheorie kann ich gut nachvollziehen…
      Der Kern dieser Theorie besagt, dass vertrauensvolles Handeln und Koorporation für alle Beteiligten langfristig zum besten Ergebnis führt.
      Die Forschung dazu zeigt: beginnt einer, unfair zu spielen, werden sich die anderen diesem Spiel anschließen.
      Misstrauen schützt uns also nicht vor schlechten Erfahrungen, es beschwört sie gerade zu hinauf.
      Und am Ende sind alle Verlierer …

      Mein Kunde kannte die Spieltheorie wahrscheinlich nicht ?

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